Massenversammlung auf dem Kleinen Exerzierplatz

Am 11. November 1918 fand auf dem Kleinen Exerzierplatz (heute „Plärrer“) eine bereits vor dem 8. November geplante Massenversammlung statt. Dabei wurde der Umsturz in Augsburg, aber auch in Bayern und in Deutschland begrüßt.

Ein Sonntagshimmel von leuchtender Pracht wölbte sich über Augsburgs Mauern, über Augsburgs Bürger, die zur großen Versammlung eines befreiten Volkes sich am kleinen Exerzierplatz eingefunden. Schon in den Vormittagsstunden strömten Massen von Bürgern und Feldgrauen zur Versammlungswiese; nachmittags wogte ein wahres Meer von Menschen dem Platze zu und gruppierte sich um die sechs Rednertribünen. Kaum daß der Versammlungsort die Menge fassen konnte, die von berufenenen Männern Wahrheit und Klarheit hören sollte. Um 3 Uhr verkündete ein Trompetensignal den Beginn der Reden. Nach der Begrüßung schilderten die Redner die allgemeine Lage, hoben die bewunderungswürdige Ruhe und Besonnenheit der Augsburger hervor und betonten, daß wir auch ohne unnütze Zwischenfälle, zu denen es leider in einer Reihe von Städten Deutschlands kam, zu unserem herrlichen Ziele gelangen.

Die Redner kamen dann auf die Gründung des Arbeiter- und Soldatenrates zu sprechen und würdigten die immense Arbeit, die diesem obliegt und forderten zur Nachsicht auf. Es hat keinen Zweck, jetzt Kleinigkeiten in den Vordergrund zu stellen – erst das große Ganze. Nur nach und nach wird es möglich sein, den großen Mist, der sich in Jahrhunderten angesammelt hat, zu beseitigen. Der Augsburger Arbeiter- und Soldatenrat hat bereits engste Fühlung mit der neuen bayerischen Regierung in München genommen, die die Augsburger Arbeiter und Bürger, insbesondere auch die Soldatenschaft grüßen läßt, die in unermüdlichem Schaffen tätig war, da wir sonst die Gewalt heute erst hätten an uns reißen müssen (Zustimmung).

Zum Schluß baten die Redner, von einem Demonstrationszug durch die Stadt Abstand zu nehmen, da dies nicht mehr nötig, nachdem die ganze internationale Arbeiterbewegung einig sei, der Ex-Kaiser endgültig gefallen und der Sieg uns sicher ist (lebhafter Beifall).

Hierauf wurde eine Entschließung verlesen, die als Flugblatt verteilt und von den Versammelten mit heller Begeisterung und nicht endenden Jubelrufen aufgenommen wurde. Die Entschließung lautet:

Tausende Augsburger Arbeiter, Soldaten und Bürger haben sich heute auf dem kleinen Exerzierplatz versammelt. Sie geben ihrer unbeschreiblichen Freude darüber Ausdruck, daß wie in Kiel, Hamburg, Tilsit, München auch in Augsburg die rote Fahne weht. Sie begrüßen den werdenden Volksstaat Deutschland und vertrauen rückhaltlos den gebildeten Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten, sowie den neuen Volksregierungen. Feierlich geloben sie, den vom Volke Erwählten Treue zu bewahren und allen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung getroffenen Maßnahmen gewissenhaft Folge zu leisten. Sie wissen, daß sich das Paradies von heute auf morgen nicht verwirklichen läßt, sind aber überzeugt, daß die gewalthabenden Körperschaften des Volkswillens ehrlich bemüht sind, bessere Zustände zu schaffen.

Die Arbeiter, Soldaten und Bürger Augsburgs erwarten, daß die neue Volksregierung alsbald den Frieden schließen wird. Die Tage des Friedens sollen die Volksregierungen alsdann bereit finden, den Neuaufbau Deutschlands entschieden und gedeihlich vorzunehmen.

(SVZ, 11.11.1918)

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Wahl eines Arbeiterrats

8. November, abends

Im Ludwigsbau wird ein Arbeiterrat gewählt.

Der Ludwigsbau konnte gestern abend die Masse der Arbeiter und Arbeiterinnen bei weitem nicht fassen, die auf Einladung der sozialdemokratischen Partei zusammengeströmt waren, um die Wahl der Exekutivgewalt, den Arbeiterrat, zu vollziehen. Zwar waren sämtliche Tische aus dem Saal entfernt, Mann an Mann gedrängt zwängten sich die Besucher, der Platz reichte nicht aus.

Als dann der Versammlungsleiter Genosse Simon die Erschienenen begrüßte und insbesondere den Genossen vom Soldatenrat die Brudergrüße entbot, da brauste ein Sturm der Begeisterung durch den Saal, wie er dort wohl noch nie gehört wurde. Der Vorsitzende machte auf den Zweck der Versammlung aufmerksam und streifte mit kurzen Worten die Ereignisse der letzten Tage.

Genosse Niekisch berichtete hierauf, wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen, über die Bildung des Soldatenrates. […]

Nach diesem Redner sprach Genosse Wernthaler, der über die im Laufe des Tages mit verschiedenen Stellen gepflogenen Verhandlungen berichtete […]

Nachdem noch Genosse Renner einige Worte der Versammlung gewidmet hatte, und nach eingehender Aussprache schritt der Vorsitzende zur Abstimmung über die als Arbeiterräte vorgeschlagenen Genossen. Die in Vorschlag gebrachte Liste fand einstimmige Annahme.

(SVZ, 9.11.1918)